09. November 1989

Ein Durchbruch auf der ganzen Linie.  
Es war der 9. November 1989. Im Osten des Landes stürzt eine Welt zusammen - und mir wird schwarz vor Augen.

Es war ein mir bis dahin unbekanntes Mißgefühl, das sich in den Tagen vor dem 9. November gleichsam hinter meinem Bauchnabel irgendwie zusammenzog oder -braute. Es fühlte sich an, als sei dort etwas überdehnt worden und infolgedessen eingerissen. Oder manchmal auch wieder so, als bohre sich ein langer, harter, unsichtbarer und nicht besonders spitzer Gegenstand mit wachsendem Druck von innen gegen meine Bauchdecke, gerade dort, wo jener seltsame, mit mythischen Assoziationen und Nervenenden aufgeladene Fleischknopf in der Leibesmitte den Menschen bis zum Tod an seine Geburt erinnert. Es machte mir immer größere Schwierigkeiten zu stehen. Aber im Sitzen veränderte jenes Nabelunbehagen nur irgendwie seinen seinen Aggregatzusatnd und verwandelte sich in ein dumpf pulsierendes Brennen. Nur um sich beim versuchsweisen Aufstehen und Umhergehen dann aber wieder in jenes subkutane Reißen und Drücken zu verwandeln und in die vom hypochondrischen Ahnen immer mehr in eine Art Gewißheit übergehende Überzeugung, hinter meinem Nabel werde in nicht zu ferner Zukunft etwas reißen.
Schon die letzten Abende hatten meine Frau und ich trotz meiner Nabelmißempfindungen so gut wie vollständig vor dem Fernseher verbracht, hingerissen von sich überschlagenden Sondersendungen über in Leipzig und Ost-Berlin undeutlich aus irgendwelchen Hotelzimmern gefilmte Volksmassen. Oder es gab Straßeninterviews mit DDR-Bürgern, die, unsicher um sich blickend, ihre offiziell nicht autorisierten Ansichten in die Westkameras mehr hinriefen, als daß sie in der Lage gewesen wären, sie als selbstbewußte Bürger ruhig und verständlich zu äußern. Oft genug folgten dann Gerangel vor offener Kamera (die dann, bis der Film abbrach, in ein immer wilderes Wackeln kam), Kämpfe zwischen Bürgern und Westjournalisten einerseits, jenen betont unauffälligen Herren in Wind- oder Lederjacken andererseits (Kleidungsstücke, wie man sie merkwürdigerweise erst jetzt wieder am iranischen Präsidenten Ahmadineschad sieht).
Am Morgen des 9. November war es soweit. Ich arbeitete damals als Deutschlehrer am Goethe-Institut Frankfurt, und noch vor der großen Pause setzte hinter meinem Nabel der ernsthafte Schmerz ein, plötzlich begleitet von einer dämonischen Empfindung, wie Tschechow sie an den Schluss des "Kirschgartens" setzt: "Ein ferner Klang ist zu hören, der aus dem Himmel zu kommen scheint, der Klang einer gerissenen Saite, der traurig erstirbt"; oder so ähnlich. Es war einer der Momente, von denen man dann sagt, es werde einem schwarz vor Augen, der Übergang in einen bisher unbekannten inneren Weltzustand. Ich erlebte, wie man sich fühlt, wenn man von weißgekleideten Sanitätern auf eine Liege geschnallt und mit Blaulicht durch die Stadt gefahren wird, eine merkwürdige Mischung aus Wichtigtuerei und Panik. "Machen sie den mal operationsfähig, das ist ein akuter Bauch", sagte der diensthabende Stationsarzt. Der Chirurg, vor den ich dann wenig später, desinfiziert, rasiert und vor Angst wie gelähmt, auf meiner fahrbaren Liege geschoben wurde, war ein sachlicher, untersetzter, auf mich plötzlich unendlich vertrauenswürdig wirkender Mann. Er bestimmte zu meiner großen Erleichterung, daß es so akut und eilig dann doch nicht sei und setzte die Operation meines Nabelbruchs für einen Termin in einer Woche fest.
Die erste Rede Hans Modrows als DDR-Ministerpräsident, die lachhaften Einlassungen Erich Mielkes vor der Volkskammer habe ich ein paar Tage später, dann schon präoperativ umnebelt, im Krankenhausbett gesehen. Kurz bevor ich in den Operationssaal geschoben wurde, stellte man mich, vollgepumpt mit beruhigenden und euphorisierenden Mitteln, high as a kite, wie man so sagt, eine Weile im hellen Warteraum des Frankfurter Brüderkrankenhauses ab, von wo aus ich durch ein großes Fenster in das Wolfsgehege des Zoos hineinsehen konnte. Mir war, als hörte ich die schmal und braun dort herumschnürenden Tiere heulen, und ich dachte undeutlich und behaglich, die russische Polarnacht sei jetzt für immer vorbei.
Das Spätherbstwetter im November 1989 war so außergewöhnlich schön und sonnig, daß ich mich heute noch daran erinnere, wie ein gleichsam schwarzrotgoldener Frühwintertag nach dem anderen sich aus den frühen Nebelschleiern enthüllte, während ich wenig anderes tun konnte, als den Anweisungen meines vertauenswürdigen Arztes zu folgen, in meinem Studierzimmer in der Frankfurter Jordanstraße zu sitzen, zu lesen und dem Vorrücken des Sonnenscheins in dem immer farbiger und spärlicher werdenden Blattwerk des Hinterhofs zu folgen, bis es dunkel wurde und der fallende Herbstnebel die Bilder löschte. Die Fernsehberichte nahmen ihren Lauf und verloren ihre grundstürzende Neuigkeit. Nach kaum zwei Wochen hatte man sich daran gewöhnt, daß ideologisch, politisch, historisch, städtebaulich sozusagen kein Stein auf dem anderen geblieben war. Das Leben ging weiter und der Tod auch. Helmut Kohl winkte in deutschlandfahnengefüllte Plätze hinein. Sein Freund Alfred Herrhausen wurde von der RAF erschossen. Mein Nabel wuchs in diesen Wochen ordnungsgemäß wieder zusammen und hat mir nie mehr irgendwelche Probleme gemacht.
Im nächsten Herbst begegneten meine Frau und ich auf einem Empfang zum ersten Nationalfeiertag am 3. Oktober ausgerechnet in Tokio dann dem ehemaligen Ministerpräsidenten Hans Modrow und wechselten ein paar Worte mit ihm. Am Nachmittag waren wir draußen am Pazifik gewesen, und ich hatte eine reihenhausgroße grüne Welle auf einen einsamen herbstlichen Strand stürzen sehen .  

Stephan Wackwitz in der FAZ 01.Oktober2006


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