| 18. September 2005 Sein letzter Gang. Gerhard Schröder schreitet zu seiner letzten Wahl als Kanzler. Von Altbundeskanzler Schröder und seiner Familie wohnen wir nicht weit entfernt. Fünfzig Meter Luftlinie. Mehr nicht. Oder: Einmal um die Ecke. Dort, wo ein paar dunkelblau Uniformierte auf dem Gehweg herumstehen, die im Dunkeln jeden vom Rad holen, dessen Vorderlicht nicht funktioniert. Am Vormittag des 18. September 2005 geht Gerhard Schröder mit Frau, Kindern und Hund zur vorgezogenen Wahl. An den Reihenhäusern, vor unserem Wohnzimmerfenster, vorbei. Nah an der Scheibe stehe ich, sehe sie zwischen den hochgeschossenen Armen des hellgrünen Ligusters hindurchflackern, die Wegenerstraße hinauf. Ich gehe ihnen nach. Vierhundert Meter gerade Strecke, am Ende treffen wir auf die Gneisenaustraße, auf deren Mitte das Kaiser-Wilhelm-Gymnasium/Ratsgymnasium liegt. Ein langgezogener, doppelstöckiger Riegel aus grauem Backstein und maschendrahtumzäuntem Pausenhof. Heute hängen Fotografen mit Teleobjektiven von den Laternen. Das Beweisfoto wollen sie schießen: der Kanzler, auf dem Weg zur Wahl. Wir leben in einer Demokratie. Sein letzter Gang als Amtsinhaber. Wahrscheinlich. So scheint es allen, die heute auf der schmalen Straße zwischen Rhododendren und Buchsbaumhecken stehen, die Augen mit den Händen abschirmen.Es wird ein sonniger, ein milder Tag. Im Schulgebäude ziehen wir durch lange verglaste Gänge, vorbei am wildbewachsenen Innenhof mit angelegtem Elefantengras. Schritte hallen über den glänzenden Waschbetonboden, in den hinteren Teil hinein. Nach rechts. Vorbei an all den Nachbarn, die sich ehrfürchtig an die kühlen Wände drücken. Gerhard Schröder braucht viel Platz, schiebt eine Menge Reporter und Fernsehteams vor sich her. Wie er den Wahlzettel in die Urne wirft, diesen Augenblick des siegessicheren Mannes. Den kenne ich nur aus dem Fernsehen. Neben ihm lächelt seine Frau in roter Jacke und fixiertem Haar. Eine halbe Stunde später kommen sie durch den Spätsommer zurück. Mir entgegen. Die Wegenerstraße hinunter. Es geht ein leichter, ein warmer Wind. Lächelnd, Seite an Seite, wieder in alle Vorgärten grüßend. Man kennt sich ja, von nebenan. Er reicht Hände, hebt den Arm. Doris winkt zur anderen Seite, hinüber zu den Kindern auf ihren Cityrollern. Mit einigem Abstand folgen die Sicherheitsleute. Aufmerksam blickend. In den Hauseingängen stehen sie und wissen: Eine Ära geht dahin. Alexa Hennig von Lange in der FAZ 01.Oktober2006 zurück zur Startseite |