| 20. Juli 1984 Die Mutter aller Würfe. Nie zuvor und danach ist ein Speer weiter geworfen worden als 1984 von Uwe Hohn. 1) Urknall. Singularität. In einem expandierenden Universum bilden sich Galaxien, Sterne, die Sonne, das Planentensystem. Die Erde, Wasser, Land, die Atmosphäre, Leben. Die Evolution setzt ein. Irgendwo in Zentralafrika laufen Affen ein paar Schritte aufrecht, um die schleichende Gefahr im hohen Gras der Savanne besser zu orten. Hunderttausende von Jahren später sammeln Sammler alles Sammelbare. Die Jäger stümpern vor sich hin. Schmeißen Steine auf Tiere. Die Ausbeute ist traurig. Bis der Speer erfunden wird. Waffen vergrößern nach Wolfgang Sofsky Radius und Wirkungsmacht des Leibes. Der Speer fliegt den Tieren hinterher, trifft, bohrt sich ins Fleisch. Die Ausbeute ist beeindruckend. Der Jäger ist umso gefährlicher, desto weiter er den Speer schleudert. Ohne Speer wäre die Kulturgeschichte der Menschheit eine andere. 2) Erst mit der Erfindung des Bogens, der als Mittler zwischen der Kraft fungiert, die vom Arm auf den zum Pfeil mutierten Speer übergeht, verliert der Speer an Bedeutung. Doch das Menschheitsgedächtnis hält den Speer in Ehren. Achill. Goliath. Herakles. Olympische Spiele. Die Mythen sind mit Speeren nur so gespickt. Können Sie Raoul Scott fragen, Durs Grünbein oder Walter Jens. Den Speer zu werfen (oder das, was einen Speer darstellen soll) ist eine Erfahrung, die - bis heute ! - noch jeder Mensch macht. So, wie sich jeder auch mal verkleidet. Speere flogen immer. Gibt es einen Wurf, der weiter war als alle anderen? Die Mutter aller Würfe? 3) 20. Juli 1984. Olympischer Tag im Berliner Jahnsportpark. Die Speerwurf-Konkurrenz, gewöhnlich ein Stiefkind des Zuschauerinteresses, wird gespannt erwartet. Aber nur wegen einem: Uwe Hohn. Er hat vor wenigen Wochen 99,52 Meter geworfen und ist damit dem bestehenden Weltrekord des US-Amerikaners Tom Petranoff auf zwanzig Zentimeter nahe gekommen. Der erste Wurf über hundert Meter ist möglich, er wird geradezu erwartet. Eine Traumgrenze würde fallen, eine neue Dimension des Speerwerfens erreicht werden. Ich bin an diesem Tag im Stadion. Sitze in der Kurve, in der die Speerwerfer Anlauf nehmen. Beobachte Uwe Hohn. Ich traue ihm diesen Wurf zu. Es ist, glaube ich, sein zweiter Versuch. Explosiver Abwurf. Was folgt, ist ein unglaublicher Flug. Ich sehe den Speer als davonfliegenden Punkt. Er gelangt in Höhen, die die Stadionkrone übertreffen. Ich springe auf, schreie: "Fliiieg!" Als der Speer seine Scheitelhöhe erreicht, ist klar: Das ist der Hundertmeterwurf. Bei der Landung gibt es ein Raunen. Der Kampfrichter hebt die weiße Fahne - gültig. Wie weit genau? Die Messung dauert. Das Leben hält manchmal Momente bereit, die kein ernsthafter Schriftsteller zu erfinden wagt. Die Geschichte einer verschwundenen Zehnjährigen (Natascha Kampbusch - admin), die in einen unterirdischen Keller verschleppt wird, nach acht Jahren lebend wieder auftaucht und verkündet, ihr Abitur machen zu wollen, würde ihrem Erfinder um die Ohren gehauen werden. Günter Grass, der in der Waffen-SS diente, wäre noch vor ein paar Wochen nichts als geschmacklos. Ein Jahrhundertfußballer (Zinedine Zidane - admin), der in seinem allerletzten Spiel, nichts Geringeres als einem WM-Finale, erst das einzige Tor seiner Mannschaft schießt und dann seine Karriere Minuten vor dem Elfmeterschießen mit einem Gettokick beendet - so was ließe sich keine Leserschaft vorsetzen. Doch wie sagt der Schriftsteller Uwe Tellkamp: Das Leben ist sich für nichts zu schade. Zurück in den Jahnsportpark. Die Kampfrichter haben den Wurf vermessen. Doch die Anzeigetafel, die das Ergebnis verkünden soll, ist nur vierstellig. Zwei Stellen für die Meter und zwei für die Zentimeter haben immer gereicht. Bis jetzt, (Und ich bin dem Platzwart des Jahn-Sportparks noch heute dankbar, daß er nicht im Stile von wir-sind-auf-alles-vorbereitet und in Erwartung des Hundertmeterwurfes eine fünfstellige Anzeigetafel anschaffte.) Daß Uwe Hohn eine Schallmauer knackt, offenbart sich auch durch die Überforderung bei der Verkündung des Ergebnisses: 04,80 zeigt die Anzeigetafel, und sie meint 104,80 Meter.Uwe Hohn pulverisiert den bestehenden Weltrekord, indem er ihn mit einem einzigen Wurf um mehr als fünf Meter übertrifft. Das Leben ist sich für nichts zu schade. 4) Dieser Rekord ist für die Ewigkeit. Denn kurz darauf wurden die Regeln geändert; die Speere bekommen einen vorgelagerten Schwerpunkt, der die Flugbahn verkürzt Die Extremweitwürfe bringen eine neue, nicht mehr hinnehmbare Gefährdung, heißt es. War da was mit Doping? Uwe Hohns eingefrorener Weltrekord ist weniger umstritten, auch, weil sich heutige Werfer nicht an ihm messen müssen. Und da Uwe Hohn auch mal, so will es die Sage, als überlegener Sieger eines Streichholz-Speerwerfens hervorging, ist sein Wurfgefühl (das sich nicht dopen läßt) über jeden Zweifel erhaben. Doping hin oder her. Uwe Hohns Speer flog am weitesten. Weiter, als je in -Zigtausenden Jahren ein Speer geflogen war, seit den Jägern, seit Herakles, den Olympischen Spielen des Altertums und der Neuzeit. Seit Doping. Ein Wurf, weiter als jener vom 20. Juli 1984 ist nie gemessen worden. Und ich, ja, ich bin dabeigewesen. Thomas Brussig in der FAZ 01.Oktober2006 zurück zur Startseite |